Das Alte TestamentRatgeber

Das Buch Daniel: Einführung und alle 12 Kapitel

Das Buch Daniel hat 12 Kapitel. Die Kapitel 1 bis 6 erzählen von Daniel und seinen Freunden am Hof in Babylon, etwa vom Feuerofen und von der Löwengrube, die Kapitel 7 bis 12 enthalten Visionen über die Abfolge der Weltreiche. Die meisten Bibelwissenschaftler datieren das Buch in seiner heutigen Form in die Zeit um 167 bis 164 vor Christus.

Ruinen einer alten Stadt in Mesopotamien mit Mauern aus Lehmziegeln an einem breiten Fluss unter dem Abendhimmel
Bild: KI-generiert

Das Buch Daniel spielt am Hof der Könige von Babylon und Persien. Es beginnt damit, dass Nebukadnezar Jerusalem belagert und junge Männer aus Juda an seinen Hof bringen lässt (1,1 bis 6), und endet mit dem Auftrag an Daniel: "gehe hin, bis das Ende komme" (12,13) [2]. Aus diesem Buch stammen bekannte Erzählungen wie der Feuerofen, die Schrift an der Wand und Daniel in der Löwengrube. Die zweite Hälfte besteht aus Visionen über das Ende der Weltreiche. Den Bibeltext findest du hier in der Lutherbibel von 1912, deren Wortlaut gemeinfrei ist [2]. Jedes der 12 Kapitel hat eine eigene Seite, die Übersicht steht am Ende dieser Einführung.

Name und Stellung in der Bibel

Der hebräische Name Daniel bedeutet etwa "Gott hat Recht verschafft" [1]. Ein Gerechter namens Daniel wird schon beim Propheten Hesekiel genannt, zusammen mit Noah und Hiob (Hesekiel 14,14) [1, 2].

Wo das Buch in der Bibel steht, hängt von der Tradition ab. In der hebräischen Bibel gehört es zu den "Schriften" (Ketuvim) und nicht zu den Propheten. In christlichen Bibeln zählt Daniel zu den vier "großen" Propheten und folgt auf Jesaja, Jeremia und Hesekiel [1]. So hält es auch die Lutherbibel, in der Daniel nach dem Propheten Hesekiel und vor Hosea steht. Einen Überblick über alle Prophetenbücher gibt die Seite Die Propheten des Alten Testaments.

Aufbau und Sprachen

Das Buch hat zwei Hälften. Die Kapitel 1 bis 6 sind Erzählungen, in denen von Daniel in der dritten Person die Rede ist. Die Kapitel 7 bis 12 sind Visionen, die Daniel in der Ich-Form berichtet [1].

Ungewöhnlich ist die Sprache. Der Anfang bis 2,4 und die Kapitel 8 bis 12 sind hebräisch geschrieben, der Mittelteil von 2,4 bis 7,28 aramäisch [1]. Der Wechsel steht genau an der Stelle, an der die Chaldäer dem König antworten, bei Luther "auf chaldäisch" (2,4) [1, 2]. Die Grenze der Sprachen deckt sich also nicht mit der Grenze zwischen Erzählungen und Visionen.

KapitelInhaltSprache
1Daniel und seine Freunde am Hof Nebukadnezarshebräisch
2Traum vom Standbild aus Gold, Silber, Erz, Eisen und Tonab 2,4 aramäisch
3die drei Männer im Feuerofenaramäisch
4Traum vom großen Baum, Nebukadnezars Erniedrigungaramäisch
5Belsazars Mahl und die Schrift an der Wandaramäisch
6Daniel in der Löwengrubearamäisch
7Vision der vier Tiere und des Menschensohnsaramäisch
8Vision von Widder und Ziegenbockhebräisch
9Gebet Daniels und die siebzig Wochenhebräisch
10 bis 12große Schlussvision, Ende der Zeithebräisch

Die Erzählungen (Kapitel 1 bis 6)

In Kapitel 1 lässt der König junge Männer aus Juda auswählen, die drei Jahre lang "chaldäische Schrift und Sprache" lernen sollen. Unter ihnen sind Daniel, Hananja, Misael und Asarja, die neue Namen bekommen: Beltsazar, Sadrach, Mesach und Abed-Nego. Daniel will nicht von der Speise des Königs essen, um sich nicht zu verunreinigen (1,4 bis 8) [2].

Ein ruhender Löwe im Schatten einer steinernen Felsgrube, in die durch eine Öffnung von oben Sonnenlicht fällt
Bild: KI-generiert

In Kapitel 2 träumt Nebukadnezar von einem großen Bild. Sein Haupt ist aus Gold, Brust und Arme aus Silber, der Bauch aus Erz, die Schenkel aus Eisen, die Füße teils aus Eisen und teils aus Ton. Ein Stein, "ohne Hände" losgerissen, zerschlägt es und wird zu einem Berg, der die ganze Welt füllt (2,32 bis 35). Daniel deutet die Teile als aufeinanderfolgende Königreiche, auf die ein Reich folgt, "das nimmermehr zerstört wird" (2,44) [2].

Kapitel 3 erzählt von einem goldenen Bild, "sechzig Ellen hoch und sechs Ellen breit" (3,1). Sadrach, Mesach und Abed-Nego weigern sich, es anzubeten, und werden in einen glühenden Ofen geworfen. Der König sieht darin "vier Männer frei im Feuer gehen" (3,25) [2]. In Kapitel 4 träumt Nebukadnezar von einem Baum, der bis an den Himmel reicht und gefällt wird. Der König wird verstoßen und isst "Gras wie Ochsen" (4,30), bis er den König des Himmels preist (4,34) [2].

In Kapitel 5 hält König Belsazer ein Gelage mit den Gefäßen aus dem Tempel in Jerusalem. Eine Hand schreibt an die Wand: "Mene, mene, Tekel, U-pharsin" (5,25). Daniel deutet die Worte, unter anderem: "man hat dich in einer Waage gewogen und zu leicht gefunden" (5,27). In derselben Nacht wird Belsazer getötet (5,30) [2]. Aus dieser Erzählung stammt das Wort "Menetekel" für ein Zeichen drohenden Unheils [3].

Kapitel 6 spielt unter Darius aus Medien. Die übrigen Fürsten und Landvögte finden an Daniel nichts auszusetzen "außer seinem Gottesdienst" (6,5) und erreichen ein Gesetz, nach dem dreißig Tage lang niemand außer den König um etwas bitten darf. Daniel betet weiter dreimal am Tag bei offenen Fenstern "gegen Jerusalem" (6,10), wird zu den Löwen in den Graben geworfen und bleibt unverletzt [2].

Die Visionen (Kapitel 7 bis 12)

In Kapitel 7 sieht Daniel vier große Tiere aus dem Meer steigen: eines wie ein Löwe mit Adlerflügeln, eines wie ein Bär, eines wie ein Panther, bei Luther "Parder", und ein viertes mit eisernen Zähnen und zehn Hörnern (7,3 bis 7). Danach kommt "einer in des Himmels Wolken wie eines Menschen Sohn" und erhält eine Herrschaft, die "nicht vergeht" (7,13 bis 14) [2]. Die Deutung im Text sieht in den Tieren vier Reiche und sagt: "die Heiligen des Höchsten werden das Reich einnehmen" (7,17 bis 18). Die Forschung versteht diese Heiligen meist als das treue Gottesvolk [1, 2].

Ein stürmisches Meer bei Nacht unter schweren Wolken mit hohen dunklen Wellen und durchbrechendem Mondlicht
Bild: KI-generiert

In Kapitel 8 kämpfen ein Widder und ein Ziegenbock. Der Text deutet sie selbst: der Widder auf "die Könige in Medien und Persien", der Ziegenbock auf den "König in Griechenland" (8,20 bis 21) [2]. Kapitel 9 beginnt mit Daniels Nachdenken über die siebzig Jahre, die Jerusalem nach dem Propheten Jeremia wüst liegen soll (9,2). Der Engel Gabriel deutet sie als "Siebzig Wochen" (9,21 bis 24) [2]. Die Kapitel 10 bis 12 schildern Kämpfe zwischen dem König des Nordens und dem König des Südens. Am Ende steht der große Fürst Michael auf, und viele, "so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen" (12,1 bis 2) [1, 2]. Mehr zu Gabriel und Michael steht auf der Seite Engel in der Bibel.

Wie das Buch entstanden ist

Das Buch gibt sich als Werk aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, aus der Zeit des Babylonischen Exils. Schon der Philosoph Porphyrios, der um 304 nach Christus starb, setzte es in die Zeit des Seleukidenkönigs Antiochos IV. [1]. Die meisten Bibelwissenschaftler halten heute zumindest die Kapitel ab 7 für Texte aus der Makkabäerzeit, entstanden im Konflikt mit Antiochos IV. zwischen 167 und 164 vor Christus [1].

Kleine brüchige Pergamentstücke liegen unter Glas in einem dämmrigen Museumsraum im weichen warmen Licht
Bild: KI-generiert

Dafür nennt die Forschung mehrere Gründe [1]:

  • Belsazer war der Sohn Nabonids und nicht Nebukadnezars, wie Kapitel 5 annimmt.
  • Die vier Reiche lassen sich als Babylonien, Medien, Persien und Griechenland lesen, das kleine Horn (7,8) als Antiochos IV.
  • Die Vorhersagen in Kapitel 11 stimmen bis 11,39 genau mit dem Verlauf der Geschichte überein. Ab 11,40 passen sie nicht mehr, denn Antiochos starb in Persien.
  • Den "Greuel der Verwüstung" (11,31) bezieht man auf den Zeus-Altar, den Antiochos im Tempel von Jerusalem aufstellen ließ.

Die Erzählungen der Kapitel 1 bis 6 gelten als älter. Sie entstanden wohl in der jüdischen Diaspora im Osten und waren zunächst aramäisch. Die Visionen kamen schrittweise hinzu, Kapitel 9 bis 12 erst nach 167 vor Christus [1]. Fragmente des Buches aus Qumran stammen aus der Zeit zwischen 230 und 100 vor Christus [1]. Über die Großreiche, von denen das Buch erzählt, informiert geschichte.domain-root.de auf den Seiten Babylonien und Das Perserreich.

Die griechischen Zusätze

Die griechische Übersetzung, die Septuaginta, enthält längere Fassungen des Buches. Dazu gehören das Gebet Asarjas und der Lobgesang der drei Männer im Feuerofen, die Erzählung von Susanna und die Geschichte von Bel und dem Drachen [1]. Die katholische und die orthodoxe Kirche zählen diese Stücke zur Bibel. In evangelischen Bibeln stehen sie nur als Apokryphen [1]. Die Lutherbibel von 1912 auf dieser Seite enthält im Buch Daniel nur die 12 Kapitel ohne diese Zusätze. Wie es zu den Unterschieden kam, erklärt die Seite Welche Bücher zur Bibel gehören: Kanon und Apokryphen.

Daniel als Apokalypse

Das Buch Daniel ist die einzige Apokalypse im Tanach, der hebräischen Bibel [1]. Das griechische Wort bedeutet "Enthüllung". Gemeint sind Texte, die in Bildern und Zahlen verschlüsselt über den Lauf der Geschichte und ihr Ende sprechen [1]. Im Neuen Testament wirkt das Buch an mehreren Stellen nach. In den Evangelien bezeichnet sich Jesus als "Menschensohn", was an Daniel 7 anknüpft. Markus 13,14 spricht vom "Greuel der Verwüstung (von dem der Prophet Daniel gesagt hat)" [1, 2]. Die Offenbarung des Johannes greift die Tierbilder aus den Kapiteln 7 bis 11 auf [1].

Die Kapitel im Überblick

Die Zitate auf dieser Seite folgen der Lutherbibel von 1912 mit Schreibweisen wie "daß" und Namensformen wie "Belsazer" und "Kores" für den Perserkönig Kyros [2]. Wer das Buch zum ersten Mal liest, beginnt am besten mit den Erzählungen in den Kapiteln 1 bis 6. Für die Visionen ab Kapitel 7 hilft es, die Deutungen im Text selbst zu beachten, etwa in 7,17 bis 27 und 8,19 bis 26.

Alle Kapitel: Daniel

  1. 1
  2. 2
  3. 3
  4. 4
  5. 5
  6. 6
  7. 7
  8. 8
  9. 9
  10. 10
  11. 11
  12. 12
  1. Buch Daniel. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Lutherbibel 1912 (deu1912), Buch Daniel. eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Menetekel. Duden. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.