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Nächstenliebe und das höchste Gebot in der Bibel

Das Gebot "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" steht zuerst im Alten Testament, in 3. Mose 19,18. In den Evangelien verbindet Jesus es mit dem Gebot der Gottesliebe aus 5. Mose 6,5 zum höchsten oder vornehmsten Gebot (Matthäus 22, Markus 12, Lukas 10). Das Wort "Nächstenliebe" selbst kommt in der Lutherbibel 1912 nicht vor.

Eine schmale staubige Straße führt durch trockene Hügel zu einer fernen Stadt, ein Esel rastet an einer alten Herberge
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"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" gehört zu den bekanntesten Sätzen der Bibel. Er steht zuerst im Alten Testament, im 3. Buch Mose, und wird im Neuen Testament mehrfach aufgegriffen. Das Wort "Nächstenliebe" kommt in der Lutherbibel 1912 nicht vor, "Nächsten" dagegen in der Datenfassung in 105 Versen. Zitiert wird nach der gemeinfreien Lutherbibel von 1912 in der Ausgabe von eBible.org.

Das Gebot in 3. Mose 19

Der Satz steht in einer Reihe von Regeln für das Zusammenleben. Kapitel 19 des 3. Buches Mose verlangt etwa, bei der Ernte etwas für den Armen und den Fremdling stehen zu lassen (19,9 bis 10), den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht zu behalten (19,13) und vor Gericht gerecht zu urteilen (19,15) [2]. Dann heißt es: "Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der HERR" (3. Mose 19,18) [2].

Der Rand eines abgeernteten Weizenfelds, an dem ungeschnittene Halme stehen geblieben sind, im goldenen Abendlicht
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Die Bibelwissenschaft rechnet das Kapitel zum sogenannten Heiligkeitsgesetz [1]. Wenige Verse später dehnt der Text das Gebot auf Zugewanderte aus: "Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland" (3. Mose 19,34) [2]. Das hebräische Wort für den Nächsten, reah, kann je nach Zusammenhang Verwandter, Nachbar, Freund oder Volksgenosse bedeuten. Gemeint ist im Tanach immer ein bestimmter Mensch, dem man gerade begegnet [1].

Das höchste Gebot in den Evangelien

Alle drei ersten Evangelien erzählen, wie Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird. Bei Matthäus fragt ein Schriftgelehrter: "Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz?" (Matthäus 22,36). Jesus antwortet mit der Liebe zu Gott und fügt hinzu: "Das andere aber ist ihm gleich; Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Matthäus 22,39). Der Abschnitt endet mit dem Satz: "In diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten" (Matthäus 22,40) [2].

Markus beginnt die Antwort mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis aus 5. Mose 6,4: "Höre Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger Gott" (Markus 12,29) [2]. Danach folgen die beiden Gebote, und Jesus sagt: "Es ist kein anderes Gebot größer denn diese" (Markus 12,31). Der Schriftgelehrte stimmt zu und nennt die Liebe zu Gott und zum Nächsten "mehr denn Brandopfer und alle Opfer" (Markus 12,33). Jesus antwortet ihm: "Du bist nicht ferne von dem Reich Gottes" (Markus 12,34) [2].

Bei Lukas ist es umgekehrt. Dort fragt Jesus zurück, und der Schriftgelehrte nennt selbst beide Gebote (Lukas 10,27). Jesus bestätigt: "Du hast recht geantwortet; tue das, so wirst du leben" (Lukas 10,28) [2]. Das Gebot der Gottesliebe stammt aus 5. Mose 6,5: "Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen" [2]. Die Verbindung beider Sätze heißt in der Theologie Doppelgebot der Liebe [1].

Wer ist mein Nächster?

Bei Lukas geht das Gespräch weiter. Der Schriftgelehrte fragt: "Wer ist denn mein Nächster?" (Lukas 10,29). Jesus erzählt darauf von einem Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho überfallen wird. Ein Priester und ein Levit gehen vorüber. "Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein" (Lukas 10,33). Er verbindet die Wunden, bringt den Mann in eine Herberge und bezahlt den Wirt [2].

Der Hof einer alten Herberge mit Steinbrunnen, einem Tonkrug für Öl und gefalteten Leinenbinden auf einer Bank
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Am Ende stellt Jesus die Frage anders herum: Wer von den dreien war dem Überfallenen der Nächste? Die Antwort lautet: "Der die Barmherzigkeit an ihn tat." Jesus schließt mit dem Auftrag: "So gehe hin und tue desgleichen!" (Lukas 10,37) [2]. Mehr zu dieser Erzählung steht auf der Seite Die Gleichnisse Jesu.

Feindesliebe und das neue Gebot

In der Bergpredigt erweitert Jesus das Gebot nach dem Matthäusevangelium auf Gegner: "Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen" (Matthäus 5,44) [2]. Kurz darauf steht die Regel, die später "Goldene Regel" genannt wurde: "Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch" (Matthäus 7,12) [2]. Den englischen Ausdruck "golden rule" prägten anglikanische Christen ab 1615, zuerst für Bibelstellen wie Matthäus 7,12 und Lukas 6,31 [3]. Mehr dazu steht auf der Seite Die Bergpredigt und die Seligpreisungen.

Das Johannesevangelium spricht von einem neuen Gebot an die Jünger: "Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet, wie ich euch geliebt habe" (Johannes 13,34) [2]. Der 1. Johannesbrief verbindet Gottes- und Menschenliebe so: "Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?" (1. Johannes 4,20) [2]. In der Rede vom Weltgericht stellt das Matthäusevangelium die Hilfe für Bedürftige als Dienst an Jesus selbst dar: "Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan" (Matthäus 25,40) [2].

Paulus, Jakobus und das Hohelied der Liebe

Paulus fasst die Gebote im Römerbrief in einem Satz zusammen. Nach der Aufzählung einiger der Zehn Gebote schreibt er: "Denn Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung" (Römer 13,10) [2]. Ähnlich heißt es im Galaterbrief: "Denn alle Gesetze werden in einem Wort erfüllt, in dem: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.«" (Galater 5,14) [2]. Der Jakobusbrief nennt das Gebot "das königliche Gesetz" (Jakobus 2,8) [2].

Zwei schlichte goldene Ringe liegen auf einem weißen Leinentuch neben einem kleinen Strauß Wiesenblumen im Fensterlicht
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Am bekanntesten ist 1. Korinther 13, oft das Hohelied der Liebe genannt. Paulus schreibt dort: "Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht" (1. Korinther 13,4). Das Kapitel endet mit: "Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen" (1. Korinther 13,13) [2]. Verse für die Trauung, auch aus diesem Kapitel, sammelt die Seite Trausprüche aus der Bibel.

Auslegung im Judentum

Wie weit der Begriff des Nächsten reicht, war im Judentum umstritten. Nach der deutschen Wikipedia setzte sich bis etwa 100 nach Christus die Deutung durch, die alle Menschen einschließt [1]. Der babylonische Talmud (Traktat Schabbat 31a) erzählt, wie ein Mann, der zum Judentum übertreten wollte, Rabbi Hillel nach dem Hauptgebot fragte. Hillels Antwort wird auf Deutsch etwa so wiedergegeben: "Was dir verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht." Das sei die ganze Tora, alles Übrige Auslegung [1, 3]. Rabbi Akiba nannte 3. Mose 19,18 einen "großen umfassenden Grundsatz" der Tora, ebenfalls in deutscher Übersetzung [1]. Jochanan ben Sakkai sah in Werken der Liebe einen Ersatz für die Opfer im zerstörten Tempel [1].

Auslegung im Christentum

Augustinus prägte den lateinischen Satz "Dilige et quod vis fac", deutsch "Liebe und tu, was du willst". Gemeint ist, dass alles Handeln aus der Liebe kommen soll [1]. Martin Luther leitete aus dem Glauben ab, "dem Nächsten umsonst zu dienen" [1]. Die tätige Nächstenliebe heißt in den Kirchen griechisch Diakonie und lateinisch Caritas. Sie gilt neben Gottesdienst und Verkündigung als einer der drei Grundvollzüge der Gemeinde [1]. Papst Benedikt XVI. schrieb in seiner Enzyklika "Deus caritas est" in deutscher Übersetzung: "Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot." [1].

Nächstenliebe im Islam

Der Koran zitiert das Gebot aus 3. Mose 19,18 nicht wörtlich [1]. Von Mohammed ist ein Ausspruch überliefert, der als Nummer 13 in der Sammlung der "Vierzig Hadithe" von an-Nawawi steht. In deutscher Übersetzung lautet er: "Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht." Nach dem Kommentar, den die deutsche Wikipedia anführt, schließt "Bruder" auch Nichtmuslime ein; gewünscht wird ihnen dort allerdings die Rechtleitung zum Islam [3]. Der Wikipedia-Artikel zur Nächstenliebe verbindet diesen Gedanken mit der Pflichtabgabe für Bedürftige, die Zakat, eine der fünf Säulen des Islam [1]. Wie der Koran über Glauben und die Säulen des Islam spricht, beschreibt koran.domain-root.de auf der Seite Glaube im Koran.

Kritik und Philosophie

Das Gebot hat auch Widerspruch gefunden. Sigmund Freud hielt es für "undurchführbar". Friedrich Nietzsche nannte die "Entselbstungs-Moral" die "typische Niedergangs-Moral par excellence" [1]. Der Philosoph Hans Jonas forderte dagegen eine Erweiterung zur "Fernstenliebe" und einen "ökologischen Imperativ" [1]. Immanuel Kant stellte mit dem kategorischen Imperativ eine allgemeine Regel des Handelns auf: "handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde" [1].

Die Zehn Gebote, die Paulus im Römerbrief mit der Nächstenliebe zusammenfasst, erklärt die Seite Die Zehn Gebote. Den Zusammenhang von 3. Mose 19 mit den übrigen Gesetzen zeigt die Einführung in das 3. Buch Mose.

  1. Nächstenliebe. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Organisation Lutherbibel 1912 (deu1912), Public Domain. eBible.org. Stand 29.12.2025. abgerufen am 29.10.2026
  3. Goldene Regel. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.