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Die Lutherbibel 1912: Geschichte, Sprache und Schreibweise
Die Lutherbibel 1912 ist die zweite kirchenamtliche Revision von Martin Luthers Bibelübersetzung, beschlossen von der Evangelischen Kirchenkonferenz. Sie modernisierte vor allem die Sprache und übernahm die Duden-Rechtschreibung ihrer Zeit, daher Formen wie "daß" und "ward". Der Text ist nicht mehr urheberrechtlich geschützt und darf frei verwendet werden.

Die Lutherbibel 1912 ist eine überarbeitete Fassung der Bibel, die Martin Luther im 16. Jahrhundert ins Deutsche übersetzt hat. Die Evangelische Kirchenkonferenz gab die Revision in Auftrag. Das Neue Testament erschien im Dezember 1912, die vollständige Bibel 1913 [1]. Der Text ist nicht mehr urheberrechtlich geschützt [1]. Deshalb steht er bei eBible.org als gemeinfreie Ausgabe mit dem Kürzel deu1912 [4], und nach dieser Fassung zitiert auch bibel.domain-root.de. Wer heute in ihr liest, stößt auf Wörter wie "daß", "ward" und "sintemal", die im Alltag längst verschwunden sind.
Von Luthers Übersetzung zur ersten Revision
Luther begann die Übersetzung des Neuen Testaments auf der Wartburg und schloss die Arbeit in nur elf Wochen ab. Im September 1522 erschien das sogenannte Septembertestament in einer ersten Auflage von 3.000 Stück, im Dezember folgte eine verbesserte Fassung [1]. Die vollständige Bibel mit Altem Testament und Apokryphen lag zur Leipziger Michaelismesse im Oktober 1534 vor. Die letzten Korrekturen von Luthers eigener Hand stammen von 1545 [1].

Im 19. Jahrhundert begann eine kirchliche Überarbeitung. 1867 erschien ein Probedruck des Neuen Testaments, den die Eisenacher Kirchenkonferenz fast einstimmig billigte. Zu Luthers 400. Geburtstag 1883 kam in Halle die vollständige "Probebibel" heraus [1]. 1892 lag der endgültige Text vor, die erste kirchenamtliche Lutherbibel [1, 2]. Sie beruhte noch größtenteils auf dem Textus receptus, dem griechischen Text der frühen Druckausgaben, und blieb sprachlich sehr nah an Luther [1, 2].
Was die Revision von 1912 änderte
Weil die Fassung von 1892 kaum modernisiert war, folgte bald eine weitere Überarbeitung. Sie berücksichtigte die inzwischen eingeführte Rechtschreibung nach Duden. Das Ergebnis war die Textfassung von 1912 [2]. Sie gilt als die zweite kirchenamtliche Revision und beschränkte sich hauptsächlich auf eine sprachliche Modernisierung, neue Ergebnisse der Bibelwissenschaft flossen kaum ein [1].
Für Leser heißt das: Der Wortlaut ist im Kern Luthers Text, angepasst an die Schreibweise um 1900. Ein bekanntes Beispiel ist der Anfang der Bibel: "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (1. Mose 1,1), und zwei Verse weiter "Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht" (1. Mose 1,3) [4]. Das kleingeschriebene "und" nach dem Ausrufezeichen und die Form "ward" stehen so im Text von 1912.
Alte Schreibweisen und Wörter
Einige Formen kommen in der Lutherbibel 1912 so oft vor, dass man sie beim Lesen schnell gewohnt ist. Ein Durchzählen der Datenfassung der Lutherbibel 1912 auf bibel.domain-root.de ergibt folgende Zahlen (Abweichungen von der Ausgabe auf eBible.org um wenige Treffer sind möglich):

| Form | Treffer | Bedeutung heute |
|---|---|---|
| daß | 7.993 | dass (die Form "dass" kommt nicht vor) |
| HERR und HERRN | 4.325 und 3.523 | Wiedergabe des Gottesnamens |
| ward | 1.079 | wurde |
| Weib | 487 | Frau, Ehefrau |
| sintemal | 31 | da, weil |
"Weib" war im Mittelalter das übliche Wort für eine erwachsene oder verheiratete Frau und wurde ab dem 17. Jahrhundert allmählich von "Frau" verdrängt [5]. Die Lutherbibel behält das ältere Wort, im Bibeltext ist es neutral gemeint. So heißt es in der Schöpfungsgeschichte "und schuf sie einen Mann und ein Weib" (1. Mose 1,27) [4]. "Sintemal" steht etwa in der Pfingstpredigt des Petrus: "Denn diese sind nicht trunken, wie ihr wähnet, sintemal es ist die dritte Stunde am Tage" (Apostelgeschichte 2,15) [4].
Auffällig ist auch das Wort "Ostern" im Neuen Testament. Wo es um das jüdische Passafest geht, schreibt die Lutherbibel 1912 in den Evangelien meist "Ostern": "Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern wird" (Matthäus 26,2) [4]. Das Wort "Passah" steht nur im Alten Testament, in der Datenfassung dort in 42 Versen. "Ostern" erscheint im Neuen Testament in 15 Versen der Datenfassung.
Warum HERR in Großbuchstaben steht
Im Alten Testament steht für Gott sehr oft "der HERR" in Großbuchstaben. Die Schreibweise geht auf Luther zurück. In der Ausgabe von 1545 steht "HERR" dort, wo der hebräische Text den Gottesnamen JHWH hat, und "HErr" für das hebräische Wort Adonai, das "Herr" bedeutet [1]. Die Lutherbibel 1912 gibt den Gottesnamen ebenfalls als "HERR" wieder. Das kleingeschriebene "Herr" steht dagegen etwa dort, wo Menschen einen anderen Menschen anreden: "Höre uns, lieber Herr!" sagen die Hethiter zu Abraham (1. Mose 23,6) [4].
Wie eng die Schreibweise mit dem Namen verbunden ist, zeigt 2. Mose 3. Dort fragt Mose nach Gottes Namen, und die Antwort lautet: "ICH WERDE SEIN, DER ICH SEIN WERDE" (2. Mose 3,14). Im nächsten Vers heißt es: "Der HERR, eurer Väter Gott, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt" (2. Mose 3,15) [4].
Luthers Wendungen im Text von 1912
Viele Sätze der Lutherbibel sind Redewendungen geworden. In seinem "Sendbrief vom Dolmetschen" von 1530 erklärte Luther, man müsse beim Übersetzen "den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen" [3]. Als Beispiel nannte er die lateinische Wendung "Ex abundantia cordis os loquitur", wörtlich übersetzt etwa "aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund". Luther schlug dafür vor: "Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über" [3]. In der Lutherbibel 1912 lautet der Satz: "Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über" (Matthäus 12,34) [4].
Im selben Brief verteidigte Luther das Wort "allein" in Römer 3,28. Im lateinischen Text fehlt das entsprechende Wort sola. Luther räumte ein: "Wahr ist's. Diese vier Buchstaben s-o-l-a stehen nicht drinnen." [3]. Er hielt das Wort trotzdem für nötig, um den Sinn klar ins Deutsche zu bringen [3]. Der Vers lautet 1912: "So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben" (Römer 3,28) [4].
Die Revisionen nach 1912
Die nächste Überarbeitung verzögerte sich durch den Zweiten Weltkrieg. 1956 erschien das revidierte Neue Testament, 1964 das Alte Testament [2]. Das Neue Testament von 1975 ging sprachlich weit. Es hieß bald "Eimertestament", weil in Matthäus 5,15 der Scheffel zu einem Eimer geworden war [1]. Der Text von 1912 hat an dieser Stelle noch: "Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel" (Matthäus 5,15) [4]. Die Fassung von 1975 wurde als zu modern abgelehnt [2]. 1977 beschloss der Rat der EKD, etwa 120 Änderungen zurückzunehmen [1].

1984 kam die Revision vorläufig zum Abschluss, mit einem Text, der wieder stärker die Nähe zu Luther suchte [2]. 1999 erschien eine durchgesehene Ausgabe dieser Fassung [1]. Die bisher letzte Revision von 2017 erstellte die Deutsche Bibelgesellschaft im Auftrag der EKD. Ihr Motto war "Mehr Luther", und sie nahm viele sprachliche Änderungen von 1984 zurück. In Psalm 94 steht seitdem wieder das Wort "Rache" [1]. In der Fassung von 1912 lautet der Vers: "HERR, Gott, des die Rache ist, Gott, des die Rache ist, erscheine!" (Psalm 94,1) [4].
| Fassung | Merkmal |
|---|---|
| 1545 | letzte Ausgabe mit Korrekturen von Luthers Hand |
| 1892 | erste kirchenamtliche Revision, sprachlich nah an Luther |
| 1912 | zweite kirchenamtliche Revision, Rechtschreibung nach Duden, heute gemeinfrei |
| 1956 und 1964 | Neues und Altes Testament neu überarbeitet |
| 1975 | Neues Testament stark modernisiert, später teilweise zurückgenommen |
| 1984 | Revision mit wieder mehr Nähe zu Luther, durchgesehen 1999 |
| 2017 | Revision unter dem Motto "Mehr Luther", von der EKD für den Gottesdienst empfohlen |
Worauf du beim Lesen achten solltest
Für den Gottesdienst empfiehlt die EKD heute die Fassung 2017 [1]. Die Fassung von 1912 hat einen praktischen Vorteil: Sie darf frei verbreitet werden, eBible.org bietet sie zum Beispiel vollständig als Public Domain an [4]. Wenn du einen Vers aus der Lutherbibel 1912 mit einer neueren Ausgabe vergleichst, wirst du Unterschiede im Wortlaut finden. Für das Zitieren ist es deshalb sinnvoll, die Fassung immer dazuzuschreiben, also zum Beispiel "Matthäus 5,15 (Luther 1912)".
Bei einigen Büchern weicht auch die Zählung der Kapitel und Verse ab. Joel ist zum Beispiel in englischen Bibeln anders gezählt als bei Luther. Der Vers, den Petrus an Pfingsten zitiert, steht deshalb bei Luther in Joel 3,1, bei eBible.org mit der Zusatznummer [3:1] unter Joel 2,28 [4]. Wie man Stellen sauber angibt, erklärt die Seite Bibelstellen richtig angeben: Abkürzungen und Zählung. Einen Vers im ganzen Text findest du mit der Volltextsuche in der Lutherbibel.
Welche Bücher in der Lutherbibel stehen und warum die Apokryphen in der Ausgabe von 1912 bei eBible.org fehlen, beschreibt die Seite Kanon und Apokryphen. Über Luthers Leben schreibt geschichte.domain-root.de auf der Seite Martin Luther. Wie es um ältere gemeinfreie Übersetzungen des Korans steht, zeigt koran.domain-root.de unter Koranübersetzungen auf Deutsch im Vergleich.
- Lutherbibel. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. evangelisch.de. Stand 17.09.2012. abgerufen am 29.10.2026
- Sendbrief vom Dolmetschen. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Lutherbibel 1912 (deu1912), Public Domain. eBible.org. Stand 29.12.2025. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Weib. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Stand 2024. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.

