Themen der BibelRatgeber
Die Schöpfungsgeschichte in 1. Mose 1 und 2
Die Bibel beginnt mit zwei Schöpfungserzählungen. 1. Mose 1,1 bis 2,3 (oder bis 2,4a) erzählt, wie Gott die Welt in sechs Tagen ordnet und am siebten Tag ruht; ab 2,4 folgt eine zweite Erzählung, in der Gott zuerst den Menschen formt und dann den Garten Eden anlegt. Die Bibelwissenschaft hält beide Texte für ursprünglich voneinander unabhängig.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde" (1. Mose 1,1). Mit diesem Satz beginnt die Bibel und zugleich das 1. Buch Mose, das auch Genesis heißt [4]. Auf den ersten zwei Seiten stehen zwei Erzählungen von der Erschaffung der Welt, die sich in Ablauf, Sprache und Gottesnamen deutlich unterscheiden. Die erste reicht von 1,1 bis 2,3, nach anderer Abgrenzung bis zur ersten Hälfte von 2,4. Die Forschung rechnet sie einer Quelle zu, die sie Priesterschrift nennt [1]. Die zweite beginnt in 2,4 und geht in die Geschichte von Adam und Eva über [2]. Zitiert wird nach der Lutherbibel von 1912, deren Text gemeinfrei ist.
Die sechs Tage in 1. Mose 1
Die erste Erzählung setzt vor der Schöpfung ein: "Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser" (1,2). Dann spricht Gott, und mit jedem Wort entsteht etwas Neues. Der Text zählt die Tage selbst und ordnet jedem Tag bestimmte Werke zu [4]:

| Tag | Verse | Was nach dem Text entsteht |
|---|---|---|
| 1 | 1,3 bis 5 | Licht, getrennt von der Finsternis; Tag und Nacht |
| 2 | 1,6 bis 8 | die Feste, die das Wasser oben und unten scheidet, genannt Himmel |
| 3 | 1,9 bis 13 | das Trockene (Erde) und das Meer; Gras, Kraut und Bäume |
| 4 | 1,14 bis 19 | Lichter an der Feste des Himmels: ein großes, ein kleines Licht, Sterne |
| 5 | 1,20 bis 23 | Tiere im Wasser und Vögel |
| 6 | 1,24 bis 31 | Landtiere, dann der Mensch als Mann und Weib |
| 7 | 2,1 bis 3 | Gott ruht, segnet den siebten Tag und heiligt ihn |
Am dritten und am sechsten Tag entstehen je zwei Werke. Schon Ende des 18. Jahrhunderts fiel Theologen auf, dass acht Schöpfungswerke auf sechs Tage verteilt sind. Johann Philipp Gabler stellte 1795 als Erster die Argumente der Literarkritik zusammen und schlug eine Bearbeitungshypothese vor. Meist nahm man an, ein älterer Text sei nachträglich in das Schema von sechs Arbeitstagen und einem Ruhetag gebracht worden. Spätere Untersuchungen haben dagegen die Einheitlichkeit des Textes betont, und keine Schichtentheorie hat sich durchgesetzt [1].
Auffällig ist der vierte Tag. Licht gibt es nach dem Text schon seit dem ersten Tag, Sonne und Mond entstehen erst jetzt, und sie werden nicht mit Namen genannt, sondern heißen "ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere" (1,16). Werner H. Schmidt und andere lesen darin eine Spitze gegen Religionen, die Gestirne verehrten. Andere Ausleger halten "Lichter" einfach für den Oberbegriff, unter den der Text Sonne und Mond einordnet [1].
Wiederkehrende Formeln
Der Text ist streng gebaut, und die Tage folgen einem festen Muster. Jedes Werk beginnt mit "Und Gott sprach" und dem Befehl, beim Licht mit "Es werde Licht! und es ward Licht" (1,3). Oft folgt "Und es geschah also", dann ein Urteil: "Und Gott sah, daß es gut war" (1,10). Jeder Tag schließt mit der Formel "Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag" (1,5), "der andere Tag" (1,8) und so weiter [4]. Nach dem sechsten Tag heißt es gesteigert: "Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut" (1,31) [4]. Werner H. Schmidt hat für diese Formelsprache Fachbegriffe geprägt, mit denen die Alttestamentler bis heute arbeiten [1].
Einige hebräische Wörter erklären, wie der Text die Welt vor der Schöpfung denkt. Luthers "wüst und leer" steht für tohu wavohu, im Deutschen sprichwörtlich als Tohuwabohu. Tohu bezeichnet eine Umgebung, in der Menschen nicht überleben können; der zweite Teil ist lautmalend dazugebildet. Erde, Finsternis und Urflut (tehom) werden in 1,2 nicht geschaffen, sie sind schon da [1]. Das Verb für "schaffen", bara, gebraucht die Bibel nur für Gottes Handeln und nie mit einer Angabe, aus welchem Stoff etwas entsteht. Belegt ist es erst in Texten aus dem Exil oder danach, außer in der Priesterschrift vor allem im Buch Jesaja [1]. Die "Feste" am zweiten Tag heißt hebräisch raqia, wörtlich etwa "Gehämmertes"; gemeint ist das Himmelsgewölbe, das die oberen Wasser zurückhält [1].
Der Mensch als Bild Gottes
Am sechsten Tag sagt Gott nach dem Text: "Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei" (1,26). Der folgende Vers lautet: "Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib" (1,27) [4]. Mann und Frau entstehen hier gleichzeitig. Gemeint ist nach der Auslegung in der deutschen Wikipedia die Menschheit, nicht ein einzelnes Paar [1].
Für den Plural "Laßt uns" gibt es mehrere Erklärungen: einen Hoheitsplural, eine Form der Selbstberatung, die Vorstellung eines himmlischen Hofstaats oder, in der Alten Kirche etwa bei Ambrosius von Mailand, die Rede Gottes des Vaters zum Sohn. Die jüdische Tradition hat die himmlischen Wesen meist als Engel verstanden. Raschi erklärt, Gott bespreche sich mit seiner Umgebung [1]. Das Wort für "Bild", zelem, bezeichnet im Hebräischen auch das Kultbild einer Gottheit. Norbert Lohfink sprach deshalb von der "Gottesstatue". Viele heutige Ausleger verstehen den Menschen in 1,27 als Stellvertreter Gottes in der Welt, ähnlich wie die Statue eines Königs diesen vertreten konnte [1].
Danach segnet Gott die Menschen und sagt: "Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan" (1,28) [4]. Wie hart die hebräischen Verben gemeint sind, ist in der Forschung umstritten. James Barr deutete das Herrschen 1972 vom Bild des königlichen Hirten her; Walter Groß und Andreas Schüle betonten später wieder den gewaltsamen Klang der Wörter [1]. Zur Nahrung gibt Gott nach 1,29 bis 30 Menschen und Tieren nur Pflanzen. Fleisch erlaubt der Text erst nach der Sintflut in 9,3 [1, 4].
Der siebte Tag
Mit dem siebten Tag endet die erste Erzählung: "Und also vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er machte" (2,2). Dann "segnete den siebenten Tag und heiligte ihn" (2,3) [4]. Das hebräische Verb für "ruhen" oder "aufhören", schavat, hat dieselbe Wurzel wie das Wort Sabbat. Hermann Gunkel sah in den Versen eine Begründung des Ruhetags. Dagegen spricht nach der deutschen Wikipedia, dass hier noch kein Gebot an Menschen steht [1]. Das Gebot folgt im 2. Buch Mose. Dort heißt es zur Begründung: "Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage" (2. Mose 20,11) [4]. Mehr dazu steht auf der Seite Die Zehn Gebote.

Die zweite Erzählung ab 1. Mose 2,4
Ab 2,4 erzählt die Bibel die Schöpfung noch einmal, mit anderer Reihenfolge. Zuerst ist die Erde trocken, "und es war kein Mensch, der das Land baute" (2,5). Gott der HERR formt den Menschen "aus einem Erdenkloß" (2,7) und pflanzt danach einen Garten: "Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Morgen und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte" (2,8) [4]. Erst danach entstehen die Tiere und zuletzt die Frau. Die Unterschiede zur ersten Erzählung sind deutlich: Dort entsteht der Mensch als Mann und Frau am Ende, hier steht der Mann am Anfang, Bäume, Tiere und Frau folgen später [3].

Auch der Gottesname wechselt. In 1,1 bis 2,3 heißt es nur "Gott", hebräisch Elohim. Ab 2,4 steht "Gott der HERR", in dem das hebräische JHWH steckt [1, 4]. An diesem Unterschied erkannte der Hildesheimer Pfarrer Henning Bernhard Witter schon 1711, dass hier zwei Schöpfungsberichte hintereinander stehen. Seine Schrift fand erst im 20. Jahrhundert Beachtung [1]. Die Wikipedia beschreibt den ersten Text als hymnisch, den zweiten als Erzählung [3]. Wie es im Garten weitergeht, erzählt die Seite Adam und Eva und der Sündenfall.
Woher die Texte kommen
Die meisten Exegeten rechnen 1,1 bis 2,3 einer Quellenschrift zu, die sie Priesterschrift nennen. Redaktoren verbanden sie später mit älteren Texten [1]. Die zweite Erzählung wurde früher einem "Jahwisten" am Hof Salomos im 10. Jahrhundert vor Christus zugeschrieben. Diese Datierung gilt heute als aufgegeben. Jan Christian Gertz schreibt die Paradieserzählung 2,4b bis 3,24 einem "weisheitlichen Erzähler" zu, den man sich vielleicht als Schreiber am Hof des Königs Manasse von Juda vorstellen kann [2]. Wo genau die Fuge zwischen beiden Texten liegt, ob nach 2,3 oder mitten in 2,4, ist nicht entschieden [1].
Seit Hermann Gunkel 1894 vergleicht die Forschung 1. Mose 1 mit dem babylonischen Schöpfungsepos Enuma elisch, das den Gott Marduk feiert. Anders als dort kämpft Gott in 1. Mose 1 nicht gegen eine Chaosmacht, er ordnet die Welt ohne Widerstand [1]. Das hebräische tehom und der Name der babylonischen Göttin Tiamat gehen auf dieselbe Wurzel für "Meer" zurück; daraus folgt nach heutiger Sicht aber keine Anspielung auf den Mythos [1]. Ägyptische Parallelen gibt es auch: Auf dem Schabaka-Stein erschafft der Gott Ptah die Dinge durch Herz und Zunge und ruht danach [1]. Die Geschichte Mesopotamiens beschreibt die Seite Babylonien auf geschichte.domain-root.de.
Die deutschsprachige Bibelwissenschaft zeigt nach der deutschen Wikipedia wenig Interesse daran, das Sechstagewerk mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Übereinstimmung zu bringen. Der Text enthält nach demselben Artikel aber das Weltwissen seiner Entstehungszeit, geprägt von Mesopotamien und mit ägyptischen Motiven [1].
Deutungen in Judentum, Christentum und Islam
Im Judentum ist 1. Mose 1,1 bis 2,3 die erste Lesung des Wochenabschnitts Bereschit und gilt seit jeher als Einheit [1]. Die Mischna (Chagiga 2,1) beschränkt den Unterricht über den Anfang der Schöpfungsgeschichte auf Schüler, die den Stoff selbst verstehen können [3]. Bei vielen Segenssprüchen, besonders beim Kiddusch am Schabbat, wird Gott als Schöpfer angesprochen [3].
Im Christentum galten die ersten drei Kapitel lange als Einheit von "Schöpfung und Fall". Dass die erste Erzählung über die Kapitelgrenze hinausreicht, zeigt nach der deutschen Wikipedia, dass man sie im Mittelalter nicht als eigenen Abschnitt sah [1]. Das Neue Testament nimmt den Anfang der Bibel auf. Das Johannesevangelium beginnt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort" (Johannes 1,1) [4]. Im Glaubensbekenntnis heißt Gott "Schöpfer des Himmels und der Erde" [3].
Der Koran spricht an vielen Stellen von der Schöpfung, erzählt sie aber nicht an einem Stück. Auf die Schöpfung in sechs Tagen verweisen nach der deutschen Wikipedia Sure 7,54, 10,3, 11,7, 25,59 und 32,4. Gott wird im Koran unter anderem mit dem Wort al-Chaliq als Schöpfer bezeichnet [3]. Wie der Koran Schöpfung und Natur beschreibt, behandelt die Seite Schöpfung und Natur im Koran auf koran.domain-root.de. In der Bibel schließt an die Urgeschichte bald die Erzählung von Noah, der Arche und der Sintflut an. Nach der deutschen Wikipedia sind Schöpfungs- und Fluterzählung in der Priesterschrift aufeinander bezogen [1].
- Schöpfungsgeschichte (Priesterschrift). Wikipedia. Stand 13.03.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Schöpfungsgeschichte (Jahwist). Wikipedia. Stand 13.03.2024. abgerufen am 29.10.2026
- Schöpfung. Wikipedia. Stand 17.05.2026. abgerufen am 29.10.2026
- Organisation Lutherbibel 1912 (deu1912). eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.
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