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Die Gleichnisse Jesu

Gleichnisse sind kurze Erzählungen und Vergleiche, mit denen Jesus nach den ersten drei Evangelien vom Reich Gottes und vom Verhalten der Menschen spricht. Bekannte Beispiele sind das Gleichnis vom Sämann (Markus 4), vom Senfkorn, vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11 bis 32) und vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25 bis 37). Wie viele Gleichnisse es gibt, hängt davon ab, was man mitzählt; die Wikipedia-Liste führt für Matthäus, Markus und Lukas 68 Einträge.

Eine Hand streut Saatkörner über ein frisch gepflügtes Feld bei Sonnenaufgang, dunkle Erdfurchen und eine niedrige Steinmauer
Bild: KI-generiert

Nach den Evangelien des Matthäus, Markus und Lukas sprach Jesus oft in Gleichnissen. Das Markusevangelium sagt es so: "Und er predigte ihnen lange durch Gleichnisse" (Markus 4,2) und "ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen" (Markus 4,34) [1]. Gleichnisse sind kurze Erzählungen oder Vergleiche aus dem Alltag: ein Bauer sät, eine Frau sucht eine Münze, ein Vater wartet auf seinen Sohn. Zitiert wird nach der Lutherbibel von 1912, die das Wort "Gleichnis" selbst verwendet [1].

Was ein Gleichnis ist

Ein Gleichnis hat zwei Ebenen. Die Bildebene erzählt eine Geschichte oder beschreibt einen Vorgang, die Sachebene ist das, worum es eigentlich geht. Verbunden sind beide durch einen Vergleichspunkt, das tertium comparationis. Den Schluss von der Bildebene auf die Sache muss der Hörer selbst ziehen [2]. Viele Gleichnisse beginnen deshalb mit einem Vergleich wie "Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn" (Matthäus 13,31) [1].

Der Theologe Adolf Jülicher teilte die Gleichnisse 1886 in drei Gruppen ein [2]:

Gruppe nach JülicherMerkmalBeispiel
Gleichnis im engeren Sinnbeschreibt einen typischen, regelmäßigen VorgangSenfkorn (Lukas 13,18 bis 19)
Parabelerzählt einen einzelnen, ungewöhnlichen, aber denkbaren FallArbeiter im Weinberg (Matthäus 20,1 bis 15)
Beispielerzählungzeigt ein Vorbild für gutes oder schlechtes Verhalten, ohne übertragene EbeneBarmherziger Samariter (Lukas 10,30 bis 35)

Diese Einteilung ist in der Theologie umstritten [2]. Ruben Zimmermann fasst alle Formen unter dem Begriff "Parabel" zusammen [3]. In einer Allegorie dagegen muss jedes Element der Erzählung auf eine andere, in Wirklichkeit gemeinte Sache übertragen werden [2].

Warum Jesus in Gleichnissen redet

Das Markusevangelium nennt eine Begründung. Als die Jünger allein mit Jesus sind und ihn nach dem Gleichnis vom Sämann fragen, antwortet er: "Euch ist's gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen; denen aber draußen widerfährt es alles nur durch Gleichnisse" (Markus 4,11) [1]. Der folgende Vers greift Worte aus dem Buch Jesaja auf: "auf daß sie es mit sehenden Augen sehen, und doch nicht erkennen" (Markus 4,12) [1]. Wenig später heißt es dagegen, Jesus habe in Gleichnissen geredet, "nach dem sie es hören konnten", und den Jüngern alles ausgelegt (Markus 4,33 bis 34) [1].

Im Johannesevangelium spricht Jesus vor allem in Bildworten über sich selbst, etwa "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Johannes 15,5) [1]. Wikipedia ordnet diese Ich-bin-Worte als Bildworte ein [2]; die Wikipedia-Liste führt trotzdem auch für Johannes einige Einträge [3]. Luther übersetzt das Wort für diese Bildreden mit "Sprichwörter": "Solches habe ich zu euch durch Sprichwörter geredet" (Johannes 16,25) [1].

Im 2. Buch Samuel erzählt der Prophet Nathan König David von einem reichen Mann, der einem armen Mann sein einziges Schaf nimmt. David ergrimmt über den reichen Mann, und Nathan antwortet: "Du bist der Mann!" (2. Samuel 12,7) [1].

Gleichnisse vom Reich Gottes

Am Anfang der Gleichnisse bei Markus steht der Sämann: "Höret zu! Siehe, es ging ein Sämann aus, zu säen" (Markus 4,3) [1]. Ein Teil der Saat fällt auf den Weg, auf felsigen Boden und unter die Dornen, ein Teil auf gutes Land. Jesus legt das Gleichnis selbst aus: Die Saat ist das Wort, und auf gutem Land bringt es Frucht, "etliche dreißigfältig und etliche sechzigfältig und etliche hundertfältig" (Markus 4,20) [1]. Das Gleichnis steht auch bei Matthäus in Kapitel 13 und bei Lukas in Kapitel 8 und endet jeweils mit dem Ruf "Wer Ohren hat zu hören, der höre!" (Matthäus 13,9) [1].

Ein hoher Senfstrauch mit gelben Blüten an einem Hang in Galiläa, kleine Vögel sitzen in seinen Zweigen
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Ein kleiner Anfang mit großer Wirkung ist das Thema des Senfkorns. Es ist nach Markus "das kleinste unter allen Samen auf Erden" (Markus 4,31) und wird so groß, "daß die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können" (Markus 4,32) [1]. Ähnlich wirkt der Sauerteig, den eine Frau "unter drei Scheffel Mehl vermengte, bis es ganz durchsäuert ward" (Matthäus 13,33) [1]. Nur Markus erzählt von der Saat, die von selbst wächst, während der Bauer schläft: "der Same geht auf und wächst, daß er's nicht weiß" (Markus 4,27) [1]. Nach Schnelle, den der Wikipedia-Artikel anführt, zeigen diese Gleichnisse einen Gegensatz zwischen unbedeutendem Anfang und überwältigendem Ende und handeln vom Reich Gottes [2].

Matthäus stellt zwei kurze Gleichnisse nebeneinander. Ein Mensch findet einen Schatz im Acker und verkauft alles, um den Acker zu kaufen (Matthäus 13,44). Dann heißt es: "Abermals ist gleich das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie" (Matthäus 13,45 bis 46) [1].

Das Verlorene in Lukas 15

Lukas 15 enthält drei Gleichnisse hintereinander. Den Anlass nennt der Text: Pharisäer und Schriftgelehrte murrten, "Dieser nimmt die Sünder an und isset mit ihnen" (Lukas 15,2) [1]. Darauf erzählt Jesus von einem Hirten, der neunundneunzig Schafe zurücklässt, um ein verlorenes zu suchen (Lukas 15,4), und von einer Frau, die einen verlorenen Groschen sucht, bis sie ihn findet (Lukas 15,8) [1]. Beide rufen danach Freunde und Nachbarn zusammen: "Freuet euch mit mir" (Lukas 15,6 und 15,9). Das Gleichnis vom verlorenen Schaf steht in anderer Form auch bei Matthäus (Matthäus 18,12 bis 14) [1].

Ein einzelnes Schaf steht allein an einem felsigen Hang in der Abenddämmerung, die Herde weit entfernt im Tal
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Das dritte Gleichnis beginnt mit dem Satz "Ein Mensch hatte zwei Söhne" (Lukas 15,11) [1]. Der jüngere lässt sich sein Erbteil auszahlen, zieht in ein fernes Land und bringt "sein Gut um mit Prassen" (Lukas 15,13). In einer Hungersnot hütet er Schweine und beschließt umzukehren: "Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen" (Lukas 15,18) [1]. Der Vater sieht ihn schon von weitem, "und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn" (Lukas 15,20) [1]. Er lässt ein Fest ausrichten, "denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden" (Lukas 15,24) [1].

Das Gleichnis hat einen zweiten Teil. Der ältere Sohn kommt vom Feld, hört die Musik "und wollte nicht hineingehen" (Lukas 15,28). Er hält dem Vater vor: "so viel Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten" (Lukas 15,29) [1]. Der Vater antwortet: "Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein" (Lukas 15,31) [1]. Ob der ältere Sohn danach hineingeht, erzählt das Gleichnis nicht.

Der barmherzige Samariter

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht nur bei Lukas. Ein Schriftgelehrter fragt Jesus, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Er selbst nennt das Gebot, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst, und fragt dann weiter: "Wer ist denn mein Nächster?" (Lukas 10,29) [1]. Jesus antwortet mit einer Geschichte. Ein Mensch geht "von Jerusalem hinab gen Jericho" und wird überfallen (Lukas 10,30). Ein Priester und ein Levit gehen vorüber. "Ein Samariter aber reiste und kam dahin; und da er ihn sah, jammerte ihn sein" (Lukas 10,33). Er verbindet seine Wunden, bringt ihn in eine Herberge und bezahlt den Wirt [1].

Eine gewundene staubige Straße durch kahle Hügel hinab nach Jericho, am Wegrand ruht ein Esel im grellen Mittagslicht
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Am Ende dreht Jesus die Frage um: Wer von den dreien "der Nächste sei gewesen dem, der unter die Mörder gefallen war?" (Lukas 10,36). Der Schriftgelehrte antwortet: "Der die Barmherzigkeit an ihn tat", und Jesus sagt: "So gehe hin und tue desgleichen!" (Lukas 10,37) [1]. Jülicher zählte diesen Text zu den Beispielerzählungen [2]. Wie das Gebot der Nächstenliebe in der Bibel begründet wird, erklärt die Seite Nächstenliebe und das höchste Gebot.

Liste der Gleichnisse mit Fundstellen

Eine allgemein anerkannte Zahl der Gleichnisse gibt es nicht. Die Listen weichen voneinander ab, weil manche nur Erzählungen zählen, andere auch kurze Bildworte, und weil Paralleltexte in mehreren Evangelien einmal oder mehrfach gezählt werden. Die Wikipedia-Liste führt allein für die ersten drei Evangelien 68 Einträge [3]. Die folgende Auswahl nennt bekannte Gleichnisse mit ihren Stellen in der Lutherbibel [1]:

GleichnisMatthäusMarkusLukas
Haus auf dem Felsen7,24 bis 276,47 bis 49
Sämann13,3 bis 94,3 bis 98,5 bis 8
Saat, die von selbst wächst4,26 bis 29
Senfkorn13,31 bis 324,30 bis 3213,18 bis 19
Sauerteig13,3313,20 bis 21
Schatz im Acker13,44
Kostbare Perle13,45 bis 46
Fischnetz13,47 bis 50
Verlorenes Schaf18,12 bis 1415,4 bis 7
Unbarmherziger Knecht (Schalksknecht)18,23 bis 35
Arbeiter im Weinberg20,1 bis 16
Böse Weingärtner21,33 bis 4612,1 bis 1220,9 bis 19
Königliche Hochzeit und großes Abendmahl22,1 bis 1414,16 bis 24
Zehn Jungfrauen25,1 bis 13
Anvertraute Zentner und Pfunde25,14 bis 3019,12 bis 27
Barmherziger Samariter10,30 bis 37
Reicher Kornbauer12,16 bis 21
Unfruchtbarer Feigenbaum13,6 bis 9
Verlorener Groschen15,8 bis 10
Verlorener Sohn15,11 bis 32
Ungerechter Haushalter16,1 bis 8
Reicher Mann und armer Lazarus16,19 bis 31
Witwe und ungerechter Richter18,1 bis 8
Pharisäer und Zöllner18,9 bis 14

Weitere bekannte Gleichnisse

Einige Gleichnisse enden mit einem Satz, der als Redewendung bekannt geworden ist. Die Arbeiter, die erst am Abend in den Weinberg kommen, erhalten denselben Lohn wie die, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Das Gleichnis schließt mit "Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein" (Matthäus 20,16) [1]. Die Geschichte von den zehn Jungfrauen, von denen nur fünf genug Öl für ihre Lampen haben, endet mit der Mahnung "Darum wachet; denn ihr wisset weder Tag noch Stunde" (Matthäus 25,13) [1]. Im Gleichnis von den anvertrauten Zentnern erhält ein Knecht "fünf Zentner, dem andern zwei, dem dritten einen" (Matthäus 25,15) [1].

Der reiche Kornbauer plant größere Scheunen und sagt zu sich: "Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre" (Lukas 12,19). Gott antwortet ihm: "Du Narr! diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern" (Lukas 12,20) [1]. Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner betet der Zöllner nur: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" (Lukas 18,13). Es endet mit dem Satz "Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden" (Lukas 18,14) [1]. Wer mehr über Jesus in den Evangelien lesen will, findet es auf der Seite Jesus von Nazareth in den Evangelien, die Bücher selbst auf den Seiten Das Evangelium nach Lukas und Das Evangelium nach Matthäus.

  1. Organisation Lutherbibel 1912 (deu1912). eBible.org. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  2. Gleichnisse Jesu. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026
  3. Liste der Gleichnisse Jesu. Wikipedia. Stand ohne Datum. abgerufen am 29.10.2026

Zuletzt geprüft am 29.10.2026, nächste Prüfung spätestens im Oktober 2027. Fehler entdeckt? Schreib uns.